Sonntag, 15. März 2009
Das Grauen von Winnenden
Dies wird kein lustiger Artikel. Nein, er wird bitterernst, geht es doch um ein Thema, welches mich und auch die ganze Nation zutiefst erschüttert hat: Das Blutbad von Winnenden, bei dem dem 17-jährigen Tim Kretschmer in seiner alten Schule und seiner anschließenden Flucht 15 unschuldige Menschen zum Opfer gefallen sind.
Über die Motive des Täters kann man zur Zeit nur Vermutungen anstellen, aber eigentlich gleichen sich die Profile solcher Amokläufer doch ziemlich oft: Er wollte wohl stark sein, mächtig, bewundert und gefürchtet! Wollte über Leben und Tod entscheiden; jemand sein, den man anbettelt, doch noch leben zu dürfen und für den man alles, wirklich alles, tun würde, damit er einem gnädig das Leben schenkt! Einer, bei dem auch der bisher Stärkste in den Staub kriecht und unter dem Eindruck einer an den Kopf gehaltenen Pistole winselt, das man ihn verschonen möge! Ja, Tim Kretschmer wollte stark, allmächtig und berühmt sein - ganz sicher! Er war vielleicht, wie so viele andere Amokläufer, zeitlebens unzufrieden mit sich selbst, mit seiner Rolle im Leben und damit, was andere in ihm sahen. Er hielt sich vermutlich selbst für unglaublich stark, empfand aber, dass er von anderen nur verlacht und verkannt wurde. Es ist anzunehmen, dass Tim K. sich aufgrund von Demütigungen, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens zu ertragen hat, in eine tiefe Obsession steigerte und dadurch eine Rolle annahm, die er zuletzt nicht mehr ertragen konnte.
Ein jämmerlicher Schwächling
Dabei manifestierte er mit der der darauf folgenden Wahnsinnstat für sich doch erst wirklich genau jene Rolle, der er mit dem fürchterlichen Blutbad wohl eigentlich entkommen wollte: die des jämmerlichen Schwächlings, des Taugenichts, eines Menschen auf dessen Namen man ausspuckt.
Möglicherweise hat er für sich aber dennoch erreicht was er wollte: Er konnte seine perverse Fantasie, der Blutrichter vieler Menschen zu sein, für ein paar Stunden ausleben. Nach Augenzeugenberichten handelte Tim K. absolut gelassen und souverän; zielte in aller Ruhe, drückte mit regungsloser Miene ab. Die meisten Opfer wurden per Kopfschuss aus nächster Nähe hingerichtet.
Es dreht sich einem der Magen um bei dem Versuch, sich die grauenhaften Szenen vorzustellen, die sich an diesem Vormittag in dem beschaulichen Ort abgespielt haben müssen; sich vorzustellen, wie ein Mensch, der nur noch von dem einen Gedanken umtrieben wird, nämlich möglichst viele Leben für immer auszulöschen, seine um Gnade winselnden und wehrlosen Opfer eiskalt anblickt, abdrückt und zusieht, wie ein Mensch ein letztes Mal zuckt, seinen letzten Atemzug macht und mit einer Kugel im Kopf in sich zusammensackt. Wie krank muss ein Mensch sein, um daraus eine Befriedigung zu erlangen? Für normale Menschen ist all das nicht nachvollziehbar. Wir bleiben alle mit der Frage "Warum?" zurück und müssen hilflos ertragen, was passiert ist.
Ein nie endender Schrecken für die Angehörigen
Das Schlimmste ist aber die Tatsache, dass der Täter sich für immer in das Leben der Angehörigen der Opfer eingebrannt hat. Sie werden mit dieser Last leben müssen und auch zu ertragen haben, dass die Namen der Opfer schnell vergessen, der Name des Täters aber im kollektiven Gedächtnis haften bleiben wird. Ein Beispiel hierfür ist das Massaker von Erfurt vom 26. April 2002: Hätte sich Robert Steinhäuser damals einfach nur selbst erschossen, würde heute kein Hahn mehr danach krähen. So aber nahm er bei seinem Amoklauf noch 17 Menschen mit sich, bevor er sich selbst richtete. Robert Steinhäuser kennt daher heute fast jeder. Er hat sogar einen eigenen Artikel in der Wikipedia. Gibt es für Sie einen eigenen Artikel bei Wikipedia? Oder für mich? Nein! Aber für einen dreckigen und feigen Mörder gibt es einen! Die Opfer haben selbstredend keine eigene Artikelseite und werden auch im Artikel zu Robert Steinhäuser nicht namentlich erwähnt. Das Wikipedia-Beispiel ist hier nur exemplarisch, zeigt aber die zutiefst kranke Inversion der Aufmerksamkeitspirale bei Tätern und Opfern.
Wenn es anschließend um die Frage geht, wie solche Taten zukünftig verhindert werden können, überschlägt sich die Politik erwartungsgemäß wieder mal mit allerlei Forderungen und zeigt wild mit den Armen rudernd, dass sie in Wahrheit genau so hilflos ist, wie wir alle: Der Standardaufschrei findet bei solchen Taten traditionell auf den Gebieten "Waffengesetz" und "Killerspiele" statt - was zunächst auch logisch erscheint. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass der Gesetzgeber immer dann an eine Grenze stösst, wenn er zwar Gesetze erlässt - das deutsche Waffenrecht beispielsweise gehört zum schärfsten der Welt -, dieses aber nicht eingehalten wird, wie im aktuellen Fall, wo zwar das Gros an Waffen ordnungsgemäß im Tresor deponiert war, eine einzelne Waffe nach Ansicht des Vaters jedoch unbedingt im Nachtschränkchen liegen musste, um im Falle eines Einbruchs für den dingfest gemachten Ganoven ohne großen Zeitverlust sofort das Exekutionskommando stellen zu können.
Bei den "Killerspielen" sieht der Gesetzgeber mit einer Altersbeschränkung ebenso vor, dass Kinder und Heranwachsende mit solchem Material nicht in Berührung kommen. Neben der freiwilligen Selbstkontrolle der Industrie tut sich hier besonders die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hervor, die der Veröffentlichung jeden Mediums, welches geeignet wäre die Psyche der Kinder und Jugendlichen zu schädigen, genau regelt. Die Bundesprüfstelle nimmt ihre Aufgabe sogar so genau, dass sie den Akt zwischen zwei erwachsenen Menschen, also Pornografie, und daneben Videos und Spiele, die mit schlimmster Gewaltanwendung protzen, auf eine Stufe stellt. Das eine ist ein völlig menschlicher und natürlicher Vorgang, das andere abstossend und widerlich. Für Berufsmoralisten ist es ein und dasselbe.
Wie dem auch sei, auch mit einer Indizierung, die das Erwerben solcher Produkte streng regelt und beim Kauf einen Altersnachweis erfordert, lässt sich das Problem nachlässiger Eltern natürlich nicht umschiffen.
Eltern, die nicht wissen was ihr Nachwuchs treibt, was für Spiele ihre Kinder spielen, aus welchen Quellen diese Spiele stammen und für welches Alter diese geeignet sind, lassen alle Bemühungen des Gesetzgebers wirkungslos verpuffen. Als Folge davon rufen viele Politiker deshalb nach einem Totalverbot für Killerspiele und Gewaltvideos. Wer das aber fordert, muss sich anschließend auch fragen lassen, ob er auf einem Meskalin-Trip ist, oder andere bewusstseinsverändernde Drogen nimmt - oder ganz schlicht: einfach nur blöd ist!
Ist ein Totalverbot für Gewaltmedien überhaupt möglich?
Eine kleine Bestandsaufnahme zeigt nämlich folgendes: Es sind nicht deutsche Spieleschmieden, die für Killerspiele verantwortlich sind - und es sind keine deutschen Produktionen, die die schlimmsten Gewaltvideos produzieren. Diese Produkte bringt nämlich vornehmlich der "American way of life" hervor, bei dem zwar jeder Vollidiot sein persönliches Waffendepot besitzen darf und eine große Sammlung von Gewaltverherrlichenden Medien zum guten Ton gehört, das Zeigen von Arsch und Titten im Fernsehen oder das Benutzen unflätiger Wörter aber eine ungeahnte Welle der Empörung nebst Strafverfolgung auslösen.
Wer also nach einem Totalverbot schreit, sollte sich, bevor er das tut, zunächst einmal Gedanken darüber machen, wie realistisch denn die Umsetzung einer solchen Forderung wohl ist und dann lieber vornehm schweigen. Fakt ist nämlich: Wir leben in einer globalisierten und vernetzten Welt. Demzufolge kann man Warenflüsse nur schwer, und wenn es sich um digitale Waren wie Spiele und Programme handelt, den Warenfluss praktisch gar nicht kontrollieren.
Ein gutes Beispiel ist das Spiel "GTA - San Andreas", Teil einer beliebten Spielreihe der Firma Rockstar-Games. Als dieser Titel Anfang 2007 in Deutschland erschien, erhielt er eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Diese Altersfreigabe erhielt es jedoch auch nur deshalb, weil das Spiel im Gegensatz zum amerikanischen Original in puncto Gewalttätigkeit für den deutschen Markt erheblich abgeschwächt wurde. Der Grund hierfür liegt natürlich darin begründet, dass indizierte Spiele in Deutschland nicht beworben und frei verkauft werden dürfen. Angesichts der Entwicklungskosten für ein Spiel sind die aus einr solchen Restriktion resultierenden Verkaufszahlen für den Hersteller natürlich nicht tragbar, deshalb gibt es in Deutschland regelmäßig solche entschärften Titel.
Bei "GTA - San Andreas" spielt man eine Figur, die man durch eine riesige, Los Angeles nachempfundene Stadt steuert, und die sich in zahlreichen Missionen mit verfeindeten Gangs und anderen Bösewichten herumschlagen muss und so einen kometenhaften Aufstieg in der Gangster-Szene hinlegen kann. Das Spiel lebt von seiner dichten Atmosphäre, einer spannenden Hintergrundstory, toller Musik und aufregenden Autofahrten durch die fiktive Großstadt. Zwar wird auch in der entschärften deutschen Version noch geballert und getötet, was das Zeug hält. Völlig unterschiedlich ist jedoch der moralische Aspekt des Tötens, der nun vorgeschrieben und nicht mehr frei wählbar ist, sowie die Darstellung der Gewalt: Während man in der deutschen Version ausschliesslich auf andere Gangster, die entweder zuerst auf einen schiessen oder sich zumindest mit einer Waffe verteidigen können, schiesst und hierbei auf die Darstellung riesiger Blutlachen verzichtet wird, besteht in der amerikanischen Version die Möglichkeit, wehrlose Passanten zu töten, um sie auszurauben - oder einfach nur zum Spaß. Dieses Töten kann auch durch reine Schläge geschehen: geht das Opfer nach einer Schlagsalve zu Boden, kann man es mit gezielten Tritten auf den Kopf töten, wobei diese abstossende Szenerie noch anschaulich mit einer riesigen Blutlache untermalt wird.
Beschnittene Versionen für den deutschen Markt sind wirkungslos
Nun kann man sagen: Na schön, da ist doch schon eine wichtige Einschränkung und eine akzeptable Reduzierung der Gewalt. Was aber hilft das schon? Zum einen spielen bereits Grundschüler solche Spiele und zum anderen ist es mittlerweile eine völlige Selbstverständlichkeit geworden, sich für derartig beschnittene Spiele aus deutschen Landen im Internet einen "Blood-Patch" zu ziehen. Das Suchen eines solchen Patches und das Herunterladen und Installieren für San Andreas dauert keine fünf Minuten und das Blutbad kann losgehen!
Gleichzeitig wirft bei solchen Verbotsschreien auch immer die Gemeinde der Spieler solcher Titel ihre Empörungsmaschinerie an. Aber nicht aus dem Grund, weil ein Verbot unsinnig ist, da nicht zu kontrollieren, sondern mit der Behauptung, dass solche Titel harmlos seien und keinesfalls als Erklärungsversuch für solche Wahnsinnstaten herhalten könnten.
Ich frage Sie mal: Glauben Sie, dass ein Spiel, welches solche niederen menschlichen Instinkte bedient, für Personen, die aufgrund ihrer gestörten Persönlichkeit Allmachtsfantasien haben und nichts lieber täten, als einmal Herr über Leben und Tod zu sein, keine Inspirationsquelle darstellen? Wer das wirklich glaubt, glaubt auch noch an den Weihnachtsmann.
Man kann abschließend feststellen: Der Gesetzgeber kann Richtlinien erlassen, aber letztlich obliegt es den Eltern, die Einhaltung dieser Richtlinien und Gesetze auch zu überwachen. Wer sich nicht für sein Kind interessiert und es unbeaufsichtigt gewähren lässt, versündigt sich an seinem Kind und letztlich an der Gesellschaft, wenn solche Taten wie am Mittwoch in Winnenden geschehen. Was Kinder heutzutage, in einer Welt, die scheinbar immer mehr entmenschlicht wird, mehr denn je von ihren Eltern brauchen, sind Liebe und Anerkennung - und zwar ohne Bedingungen!, sind Trost und Zuneigung, aber auch moralischer und seelischer Aufbau und die Fähigkeit der Eltern, ihren Kindern Grenzen aufzuzeigen - und zwar ohne Wenn und Aber.
Wahr ist in diesem Zusammenhang leider auch, dass viele Eltern natürlich gar nicht in der Lage sind, solche Werte auch vorzuleben und sich auch nicht darum bemühen, was auch wieder ein altes Sprichwort bestätigt: Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr!
Wenn man also im aktuellen Fall über Schuld spricht, dann darf man die Verantwortung der Eltern, insbesondere die des Vaters, nicht ausblenden. Denn: Ist es eigentlich zu viel verlangt, dass man vom Vater - immerhin ein studierter Mathematiker, bei dem man einen gewissen Intellekt voraussetzen dürfte - zu Recht hätte erwarten können, dass er, wo er von den psychischen Problemen seines Sohnes wusste, in der Lage ist, ein gewisses Gefahrenpotential zu erkennen und auch die eine Waffe, welche im Gegensatz zu den anderen Waffen im Besitz des Vaters nicht ordnungsgemäß im Tresor verschlossen, sondern im Schlafzimmer deponiert war, unverzüglich aus der Reichweite des Sohnes entfernt? Muss man eigentlich Tiefenpsychologie studiert haben um zu dem Schluss zu kommen, dass auch der eigene Sohn in Anbetracht eines auffälligen psychischen Krankheitsbildes in der Kombination mit einer Schusswaffe eine ernstzunehmende Gefahr darstellen könnte? Wo war dieser Mann in den letzten Jahren, als in den Nachrichten immer wieder auch die psychologischen Profile der Täter solcher Wahnsinnstaten seziert wurden, die letztlich immer das eine Bild zeigen, nämlich den vermeintlich nicht ernst genommenen Außenseiter, Taugenichts und mit einem absolut geringen Selbstwertgefühl ausgestatteten Narzissten, welcher ausschliesslich andere für sein Schicksal verantwortlich macht, aber niemals sich selbst? - Und der bedauerlicherweise Zugang zu Schusswaffen hat!
Wie war es im übrigen möglich, dass der Täter am Vorabend des Massakers noch "Far Cry 2" auf seinem Rechner gespielt hat? Immerhin ein Spiel ohne Jugendfreigabe, welches der 17-jährige gar nicht hätte besitzen dürfen!
Die Eltern haben auf der ganzen Linie versagt, handelten völlig verantwortungslos und tragen daher zumindest eine moralische Mitschuld an diesem Massaker! Warum der Vater überhaupt im Schlafzimmer eine Waffe deponiert hatte, scheint auf der Hand zu liegen und deckt ebenso fragwürdige Charakterzüge auf, denn eine Waffe im Schlafzimmer, am besten noch unter dem Kopfkissen, verrät eine Gesinnung, die es offenbar erlaubt, einem potentiellen Einbrecher für seine Tat unverzüglich mit dem Tode zu bestrafen, zumindest aber in guter Wild-West-Manier eine wilde Schießerei im heimischen Schlafzimmer zu veranstalten.
Waffennarren waren mir schon immer suspekt und sie werden es bleiben. Das Märchen vom "Sportschützen", der im Verein einfach nur seiner Leidenschaft frönt und nichts böses im Schilde führt, endet leider viel zu oft mit einem schrecklichen Ende, denn wie in jedem Märchen gibt es in der Zugriffsweite dieser Waffen Gut und Böse: Für die einen ist es ein Sport- und für die anderen ein Mordwerkzeug!
Sonntag, 1. März 2009
Achtung, Wichtigtuer!
Es gibt Menschen, die sind so furchtbar wichtig, dass Worte versagen müssen wenn es darum geht zu beschreiben, wie wichtig sie sind! Ich versuche es trotzdem:
Man findet sie in allen Bereichen des Lebens und sie sind wirklich überall und allzeit zur Stelle. Selbst völlig verloren in der Öde und Kälte des ewigen Polareises oder verdurstend in der einsamen Leere der Sahara findet sich zu passender Gelegenheit irgendein alles besser wissender Wichtigtuer, der einen kurz vor dem Exitus mit mahnendem Zeigefinger von oben herab darüber belehrt, dass man eben noch ein extra Paar Wintersocken oder Getränke hätte mitnehmen müssen! Es ist eine Gesetzmäßigkeit, sie sind überall!
Es sind im Besonderen drei unangenehme Eigenschaften, die typische Wichtigtuer ausmachen und eine davon ist, dass sie immer zu wissen glauben, wohin die Reise geht.
So verstehen sie es vortrefflich, ihre Umwelt ungefragt mit der eigenen Meinung zu belästigen und beanspruchen ganz selbstverständlich die Meinungsführerschaft bei dem, was richtig und was falsch ist.
Professionelle Wichtigtuer verstehen es als Potenzierung dieser Eigenschaft sogar, ihre Meinung, die als reine "Meinungsäußerung" eben auch so beliebig ist, wie die Meinung von anderen, zur Doktrin und Weltanschauung aufzublähen. Denn während verschiedene Meinungen nebeneinander - wenn auch nicht immer konfliktfrei - koexistieren, duldet die Weltanschauung nichts neben sich und so wird der Besserwisser zum Meister der Heuristik wenn es gilt, neben etwas vorhandenem sein neues Weltbild zu setzen und das alte zu verdrängen.
Wichtigtuer wissen aber nicht nur mehr als alle anderen, nein, sie können infolgedessen natürlich auch mehr! Wenn nicht sogar alles!
Dieses, die menschliche Vorstellungskraft sprengende, geballte Können, welches aber leider nur in der imaginären Phantastenwelt des Wichtigtuers vorhanden ist, zeigt sich besonders deutlich im Berufsleben. Hier ist der Wichtigtuer in seinem Element, hier ist seine Bühne, wo er dem schier endlosen Heer von Dummköpfen und Nichtskönnern um ihn herum feixend den Spiegel der Inkompetenz vorhält und leider nie auf die für ihn abwegige Idee kommt, einmal selbst hineinzusehen.
In einem Unternehmen ist er gemeinhin das, was der Zahnstein für den Zahn ist: nur schwer zu entfernen, parasitär und ohne wirklichen Nutzen. Er ist der Geisterfahrer, der nach der Radiomeldung, dass ein Geisterfahrer unterwegs ist, entsetzt ausruft: „Einer? Hunderte!“.
Und weil der Wichtigtuer so viel kann, die anderen aber nicht, liegt es ihm besonders am Herzen, den anderen, den "Nichtskönnern", genau auf die Finger zu schauen! Diese Überwachung findet aber selbstverständlich nur zur Qualitätssicherung und überhaupt zum Wohle aller statt!
Diese Unternehmens-Gestapo kommt aber ohnehin zu nichts anderem mehr, weil es freilich all ihre Zeit und Energie kostet zu schauen, wer alles nicht arbeitet oder wahlweise zu dumm, zu faul, oder zu inkompetent dazu ist.
Die dritte unangenehme Eigenschaft des Besserwissers ist seine Geltungssucht, denn er muss auch deshalb ständig triumphieren und alle Welt an seine gottgleiche Einzigartigkeit erinnern, weil er insgeheim nichts mehr fürchtet, als von anderen als das gesehen zu werden, was er ist: ein jämmerlicher Schwachkopf, eine Niete, eine Null!
In rastloser Unruhe muss er deshalb zu jedem Thema etwas beitragen und sei es auch nur seine auf 32 Seiten ausgeführte Empfehlung zur Wahl des richtigen Toilettenpapiers in den Firmen-WCs. Auch ist es für ihn unverzeihlich und ein regelrechter Affront, wenn er zu einem Thema nicht befragt wird, schließlich ist er das allwissende Orakel und das Ideen-Katapult, welches jede Festungsmauer der Unkreativität und Leere im Nu in Trümmer schiesst und so der Garant für Erfolg und Gewinn im Unternehmen ist!
Eine bemerkenswerte Tatsache, die seine Mitmenschen immer wieder mit vor Staunen geöffnetem Mund dastehen lässt, ist die völlig außer Kraft gesetzte Selbstwahrnehmung der Wichtigtuer. Es dämmert ihnen gar nicht auf, wie sehr man sie bereits bemitleidet und ihnen wünscht, dass sich in der endlosen Leere ihres Kopfes vielleicht wenigstens ein kleiner Vogel einen Brutplatz sucht und damit ihrem Dasein wieder etwas Sinnhaftigkeit verleiht, wenn sie wieder einmal an unpassender Stelle lautstark und mit grossem Bohei einfordern, ihre vor vermeintlicher Kompetenz nur so strotzende Urteilskraft als das Salz in der Suppe hinzuzufügen zu dürfen.
Während der damalige regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, 1948 in seiner berühmten Rede den Massen zurief: "Völker dieser Welt, schaut auf diese Stadt", verlangen die Berufs-Wichtigtuer unentwegt, dass man permanent auf sie schauen möge - die Amerikaner brachten den Berlinern nach dem Hinsehen die Rosinenbomber, den Wichtigtuern scheissen hoffentlich ein paar Tauben auf den Kopf!
Montag, 15. September 2008
Wagner der Zauberer
Falls Sie Franz-Josef Wagner nicht kennen, macht das gar nichts. Im Gegenteil: Es zeichnet Sie sogar aus, denn das lässt hoffen, dass Sie morgens etwas anderes lesen, als die "Bild".
Ja, Franz-Josef Wagner arbeitet bei der Blöd-Zeitung und gibt dort jeden Tag als Kolumnist straffrei seine geistigen Verwirrungen zum Besten und das zu allem Überfluss schon seit vielen Jahren. Der Mann wurde kürzlich 65, denkt aber zur Enttäuschung vieler leider nicht ans aufhören. In grenzenloser Solidarität mit der meinigen Generation, die von Rente mit 65 nur noch träumen kann, macht er freiwillig auf Rente mit 67 und will den geneigten Lesern noch zwei Jahre erhalten bleiben. Heißen Dank, wäre doch nicht nötig gewesen!
FJW, wie er kurz genannt wird, ist ein Mann, der jedes Ereignis in der Welt als Aufforderung begreift, seine immer noch ungetrübte Urteilskraft unter Beweis zu stellen und in einem Kommentar zu verwursten. Das tut er in einer anbiedernden, abgedroschenen und einfältigen Art und deshalb lieben ihn die Leser der "Bild" auch so. Auch moralisch ist er selbstverständlich über allem und jedem erhaben und steht damit Günter Grass in nichts nach. Nur bei der SS - wie Grass - war er nicht, dazu ist er zu jung, was seiner Eignung als Moralblockwart mit erhobenem Zeigefinger aber keinen Abbruch tut! Im Grunde gehen "Bild", Daniel Küblböck und Franz-Josef Wagner eine perfekte Symbiose ein: Franz-Josef Wagner sieht nicht nur aus, als wäre er - und nicht der Wagen von Daniel Küblböck - dereinst mit dem berühmt gewordenen Gurkenlaster zusammengestossen, sondern er schreibt auch genau so einen Dünnpfiff, wie ihn Küblböck singt, und die Bild-Zeitung ist sozusagen der Verteiler dieses Dünnschiss' von Wagners literarischem Mist-Bauernhof: die Güllepumpe zur Düngung der Volksdummheit. Möge sie prächtig gedeihen!
Dabei ist FJW ein Mann, der die Probleme dieser Welt so erstaunlich einfach auf den Punkt bringt und mit simplen und praktikablen Vorschlägen einer Lösung zuzuführen vermag. Während David Copperfield einst die halbe Welt in Verzückung versetzte, als er vor den Augen seines Publikums einen ganzen Zug verschwinden lies und daraufhin als größter Magier aller Zeiten gefeiert wurde, erscheint er im Vergleich zu Wagners Zauberkünsten nur als ein kleiner Hütchenspieler vom Jahrmarkt. Wagner hält sich nämlich nicht erst mit Zügen auf sondern versteht es, die riesigen Problemberge eines ganzen Landes in seinem Zauberhütchen verschwinden zu lassen!
Kostprobe gefällig?
Am 31.03.2006 meldete sich der Volksmagier zum Thema Gewalt an Schulen; speziell der bundesweit bekannt gewordenen Berliner Rütli-Schule zu Wort. Während Kolumnisten in anderen Tageszeitungen sich im Feuilleton in seitenlangen Kommentaren mit dem Gewaltphänomen auseinandersetzten und die Lage sezierten, ohne so recht zu einer Lösung zu gelangen, verwies FJW sie mit seinem Kommentar alle auf die Plätze und verwandelte ihre Beiträge zu reiner Makulatur. In drei Sätzen erfasste er in brillanter Weise das Problem, die Ursache, und bot die Lösung an:
"Ich weiß nicht, wie man diesen Verzweifelten das Wort Liebe näherbringen kann. Liebe Deinen Nächsten, liebe einen Schmetterling, liebe einfach etwas Schönes. Liebe etwas, worüber Du weinst. Das wäre ein Anfang."
Amen! Das hätte auch TV-Pfarrer Jürgen Fliege nicht weniger schwülstig und realitätsverdrängend ausdrücken können, aber bei Wagner hat es eben einfach mehr Stil und den braucht ein großer Magier ja auch.
Halten wir fest: Die Liebe und ihr Mangel sind die Lösung und die Wurzel allen Übels! Und: Die Schulhof-Schläger sind gar keine Täter, sondern Opfer!
Um dem Tenor von Wagner zu folgen, ist ein Schüler, der die Diskussion mit einem Mitschüler oder Lehrer mittels eines gezielten Faustschlags für sich entscheidet eigentlich nur ein Verzweifelter. Verzweifeln muss man indes auch an solcher Einfältigkeit. Das Problem mit gewaltbereiten Jugendlichen, die weder Werte noch Respekt vor anderen besitzen, auf mangelnde Liebe zu reduzieren, ist schon ein großes Kunststück. Chapeau! Würden sie mehr Liebe von ihrer herzlosen Umwelt erfahren, würde es keine Jugendkriminalität geben, würden sich nicht in den Problembezirken deutscher Großstädte Gangs zusammenraufen, würde es keine Ehrenmorde mehr geben und auch keine Anschläge von Islamisten, keine Verbrechen, keinen Krieg.
Die zusammengeschlagenen Lehrer und Schüler an der Rütli-Schule hätten also einfach nur mehr Zuneigung für ihre Peiniger empfinden müssen, statt gefühllos und kaltherzig zu sein und auch der vor einigen Monaten von zwei betrunkenen Ausländern in der Münchener U-Bahn fast zu Tode geprügelte Rentner hätte nur tiefe Liebe empfinden sollen, als sie mit seinem Kopf Fußball spielten und dabei "Scheiss Deutscher" grölten. Ja, so einfach ist das...
Zu den großen Künsten eines Magiers gehört auch die Illusion. Wie kein Zweiter beherrscht der große Wagner daher auch die Klaviatur der Suggestion. Am 27.01.06 schrieb er über Ausländer, die die deutsche Sprache nicht beherrschen:
"(...) Wenn Deutschland zu Eurem Land werden soll, dann müßt Ihr fließend Deutsch sprechen. Oder Ihr übernehmt die Rolle der Indianer in Amerika. Straßenräuber, Drogenkranke, Geächtete.
Ohne Deutsch kein Schulabschluß, ohne Deutsch keine Lehrstelle, ohne Deutsch ein Indianer.
(…) Eine schöne Wohnung, ein Auto in der Garage, eine Topfpflanze auf dem Balkon, geachtet von den Nachbarn – all das kriegst Du, wenn Du deutsch kannst. In unserer Sprache heißt das Glück."
Die Kunst der illusionistischen Inszenierung ist es, dass sie sich nahtlos in die Realität einfügt und kohärent ist, d.h. der Empfänger nimmt die Illusion verblüfft als Teil der Realität wahr. Und so liest sich der obige Kommentar zunächst mal mit einem gewissen Kopfnicken: Natürlich sollten Ausländer deutsch lernen und damit ihren Integrationsbeitrag leisten!
Die Zauberei in diesem Beitrag liegt in der geschickt verschleierten Umkehrung von Ursache und Wirkung; der Vertauschung von Tätern und Opfern. Man könnte ebenso gut aber auch zu der Erkenntnis gelangen, dass FJW gar nicht zaubern kann sondern nicht die leiseste Ahnung von der amerikanischen Geschichte hat und das Wort "Kolonisierung" erst mal nachschlagen müsste. Tun wir aber nicht, denn auch Wagner könnte recht haben und wir sind einfach nur eine Nation von Deppen: Natürlich sind die Indianer die Einwanderer gewesen, die sich weigerten, sich in ihrer neuen Heimat, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, zu assimilieren und die englische Sprache zu lernen. In dessen Folge wurden sie unvermeidbar zu elenden Straßenräubern, Drogensüchtigen und Aussätzigen! Das Faktum der Ausrottung der Indianer durch Ausländer (Einwanderer) und ihre Internierung in Reservaten, wo sie von der Welt unbeachtet vor sich hinvegetieren, ihrem Land, ihrer Identität und Kultur beraubt, bleibt eine Fußnote der Geschichte, die sich mit wenigen Sätzen hinweg zaubern lässt.
Nicht das noch jemand auf die Idee kommt, ein solcher Vergleich zwischen Ausländern in Deutschland und den Indianern in den USA könne nur einem Hirn entsprungen sein, dessen Besitzer fünfmal am Tag beim Öffnen einer Flasche Chantré getreu dem Werbespruch ausruft: "Oh, der weiche Chantré, mein Lieblingsweinbrand!" - denn zu viel davon macht auch extrem weich in der Birne!
Madonna, die Großmutter aller Girlie-Stars, wurde vor wenigen Tagen 50, und Franz-Josef Wagner liess es sich nicht nehmen der alternden Zellulitis-Queen einen Zwischenruf zu widmen, in dem er Madonna mit Mutter Theresa auf eine Stufe hievt. Die würde sich freilich im Grabe umdrehen, aber das ficht Wagner nicht an. Madonna ist seiner Meinung nach die freieste Frau der Welt, denn immer war es so, dass nicht sie von den Männern verlassen wurde, sondern sie hat die Männer verlassen. Franz-Josef Wagner wurde auch verlassen - von allen guten Geistern!
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Unterhaltung
Donnerstag, 15. Mai 2008
Deutschland sucht den Superdeppen!
Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, als die erste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“, kurz DSDS, über die Bildschirme flimmerte, aber ich weiß, dass es etwa im Jahre 2002 gewesen sein muss. Damals lag meine langjährige Beziehung zu einer Frau in den letzten Zügen und ich glaube den Gnadenstoss gab ich dieser Beziehung, als ich ihr nach „Big Brother“ auch noch verbot diesen unsäglichen Superstar-Schrott bei mir zu Hause zu sehen.
Schon möglich, dass sie genau diese Einstellung dazu brachte, sich jemanden zu suchen, bei dem sie all diese Sendungen gucken konnte. Der sich vielleicht mit ihr zusammen auf dem Sofa lümmelte und sich über all die komischen Menschen, die sich da vor einem Millionenpublikum zum Gespött machten, ebenso amüsierte. Dieses Szenario erscheint mir heute sogar sehr wahrscheinlich...
Mehrere Staffeln zogen so mehr oder weniger unbemerkt an mir vorüber, denn meine Einstellung zu dieser Sendung stand fest. Das Schöne aber ist - und dafür mag ich mich -, dass ich gelegentlich auch mal die Dinge einer erneuten Prüfung unterziehe, die eigentlich für alle Zeit felsenfest klar zu sein schienen.
Die gerade zu Ende gegangene Staffel von DSDS war so eine Gelegenheit! Im Büro hörte ich meine Kolleginnen, die sich prächtig amüsierten: „Hast Du den Vollidioten gestern gesehen?“ und sich vergnügt noch mal die entsprechenden Filmschnipsel bei YouTube ansahen. Für mich war diese Sendung bisher dekadent und auf niedrigstem Niveau. Die Kandidaten wurden meiner Meinung nach verheizt für das große, böse Fernsehmonster, welches nur nach der Einschaltquote lechzt.
Und es stimmt: Die Sendung ist in der Tat auf niedrigstem Niveau, dafür sorgt schon ein Dieter Bohlen mit seinem verbalen Rotz, den er den gescheiterten Kandidaten unverhohlen ins Antlitz spuckt.
Die Frage die sich im Anschluss stellt, lautet aber: Ist das eigentlich so schlimm?
Gepflegte Langeweile nach dem Casting...
Interessanterweise konnte ich beim Verfolgen der aktuellen Staffel genau sagen, ab wann für mich wirklich Langeweile aufkam; nämlich, als die ersten, die wirklich singen konnten, die Bühne betraten! Rot vor Zorn saß ich vor dem Fernsehapparat und fluchte darüber, dass mir nun hier irgendwelche gegelten, gut aussehenden Sangesknaben vorgeführt wurden, denn die interessierten mich nicht die Bohne! Ich wollte wieder zurück zum Casting, wollte wieder Schadenfreude empfinden!
Seien wir ehrlich: Die Schadenfreude war und ist ein Element der Unterhaltung! Schadenfreude, die gibt es bei jedem Karaoke-Wettbewerb auf Mallorca, bei jedem Tanzwettbewerb am Timmendorfer Strand und selbst im renommierten Apollo-Theater in New York kommt die Schadenfreude nicht zu kurz! Es gibt und gab sie immer, wo Menschen vor anderen Menschen ihre (vermeintlichen) Künste zum Besten gaben.
Dieter Bohlen antwortete, angesprochen auf seine oftmals harsche Kritik, dass es wohl auch nicht anders gehe: „Wie macht man einem Bekloppten klar, dass er bekloppt ist?“ - Einfacher kann man es nicht auf den Punkt bringen! Ja, man mag sich sogar wünschen, dass die verbale Ohrfeige eines Dieter Bohlen für den ein oder anderen eine heilsame Lehre ist und die teilweise unfassbaren Defizite in der Selbstwahrnehmung einiger Kandidaten wieder zurechtgerückt werden. Freilich ist dies aber ein frommer Wunsch!
Warum hast‘n Du so‘n beschissenes T-Shirt an?
Ein Highlight in der Kategorie „gestörte Selbstwahrnehmung“ in der letzten Staffel war für mich der 30-jährige Christian Neumann, welcher im Vorspann zwar den Vergleich mit Freddy Mercury nicht scheute, allerdings schon an dieser Stelle verbalen Durchfall produzierte, obwohl er noch keinen Ton in Form von Musik von sich gegeben hatte.
Christian enttäuschte auch vor der Jury nicht und erschien in einem knallbunten „DJ Bobo“-Shirt vor den Juroren. Dieses Shirt, ein Fanal an die frühen Neunziger, als sich ein gewisser Herr Baumann aus der Schweiz als DJ Bobo anschickte, die Charts trotz seines ermüdenden Gedudels in ständiger Wiederholung zu erobern, veranlasste Dieter Bohlen auch gleich dazu, den ersten Schlag zu servieren: „Warum hast‘n Du so‘n beschissenes T-Shirt an?“
Der darauf folgende Dialog ist nicht erwähnenswert, denn Christian hatte die Frage, bzw. ihre Intention schlicht nicht verstanden: „Ich find‘s gut, dass Du mich danach fragst, Dieter!“ - Da fehlten selbst Dieter Bohlen die Worte! Aber egal, Christian war ja schließlich gekommen, um zu singen - und er wollte singen! Allerdings sollte sich eine alte Weisheit wieder mal bestätigen: Kunst kommt von „K“, wie Können, und nicht von „W“, wie Wollen, denn sonst hiesse sie „Wunst“.
Der Song „Terra Titanic“ von Peter Schilling sollte dran glauben! 1983 landete Peter Schilling mit diesem Titel einen großen Hit! Und warum? Nun, Peter Schilling kann singen! Und Christian? Tja, wer das nachfolgende Gekrächze mit anhören musste, der wünschte sich unweigerlich, damals mit der im Titel besungenen Titanic sang- und klanglos untergegangen zu sein, um sich diese Akustikfolter heute ersparen zu können! Andererseits hätte Christian den Dampfer seinerzeit auch selbst versenken können, wie einst die Sirenen in der griechischen Mythologie - ganz ohne Eisberg.
Christian brachte nach der darauf folgenden, für niemanden (ausser Christian) überraschenden Absage der Jury noch weitere Peinlichkeiten, um im Rennen zu bleiben, wie die Demonstration einer Kopfstimme, die in meiner Vitrine Gläser vor Scham platzen liess, sowie eine Brakedance-Einlage, die für mich „fremdschämen“ neu definierte.
Dies alles machte Christian für mich zum Top-Act dieser Staffel!
Arme Kandidaten?
Nun gibt es Stimmen, die sich gegen das Konzept der Sendung auflehnen: Die einen sagen, dass hier Menschen vorgeführt werden, die das ganze Ausmass und die Folgen nicht zu überblicken vermögen, die später mit dem Gefühl ein Versager zu sein, allein gelassen werden und die sich zudem auch noch mit ihrer Umwelt, die sie gegebenenfalls verhöhnt und verspottet, auseinandersetzen müssen.
Ich lasse diese Einwände für die erste Staffel bedingt gelten. Damals war noch alles neu und wer seinerzeit nicht selbst einschätzen konnte, dass seine Sangeskünste nur dafür ausreichen, Tonbänder für Geisterbahnen zu besingen, der konnte schon mal unbedarft bei DSDS unter die Räder kommen. Alle nachkommenden Staffeln aber boten die Möglichkeit, sich an den vorher gesendeten zu orientieren: „Wer scheisse singt, bekommt auch scheiss Kritiken!“ lautet die einfache Formel, welche allerdings die „beschissenen“ Sängerinnen und Sänger nicht daran hinderte, weiterhin in Scharen bei der Jury vorzuträllern. Das zeigt uns: Es gibt eine schier unendliche Zahl von Nullen und Nichtskönnern, die leider aber selbst noch gar nichts davon wissen. Würde man ihnen verbieten zu DSDS zu gehen (wie sollte man das eigentlich anstellen?) oder würde man die Sendung als eine Soft- und Schmuseshow gestalten, wo selbst der letzte Platz zum 1553. Sieger gekürt würde, dann wäre das viel verheerender, denn man würde etwas suggerieren, was in der realen Welt nicht ist: die Wirklichkeit kennt nämlich durchaus Sieger und Verlierer und sie springt mit den Verlierern im Allgemeinen auch nicht unbedingt zimperlich um.
Es ist daher besser, auch den Durchgeknallten, die sich selbst als große Künstler sehen, mal klar zu machen, dass sie besser wieder in die Realität zurückkehren und ihr Leben von Wunschvorstellungen lösen, die sie mit ihrem momentanen Stand nie erreichen werden. Die Botschaft kann dann nur lauten: Mach was anderes, oder investiere viel Arbeit, aber das, was Du selbst heute für großartig hälst, das ist nix!
Ich jedenfalls freu‘ mich schon auf die nächste Staffel!
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